Doppelt sehen- mit Mut und Anmut durch die Krise

Heute gibt es einmal etwas Anderes als Kunst, etwas, das Euch Mut spenden soll, wenn Ihr betroffen seid und vielleicht so ängstlich und verunsichert wie ich, als ich 2016 plötzlich doppelt sah. Das war so: Ich saß mit meinem Skizzenblock in der Kunstakademie in Trier. Vor mir ein Aktmodell mit einem schönen, schon etwas verwitterten Körper. Die Stimme der Dozentin hinter mir: „Was hast Du denn da gemacht? Da stimmt ja etwas gar nicht.“ Leider habe ich die Zeichnung danach zerrissen, weil ich mich so geschämt habe. Ich würde sie heute gerne aus meinem Schrank nehmen, als Zeichen der verschobenen Wahrnehmung, sie betrachten und mich aus der zeitlichen und örtlichen Distanz heraus trösten.

Merkwürdig finde ich von heute aus gesehen, dass ich nicht panisch wurde, sondern eher wie in einem Nebel und still beobachtend alles erlebte, was dann geschah: Krankenhaus mit CT, um einen Tumor auszuschließen, etliche Besuche beim Neurologen, der lange die Möglichkeit einer multiplen Sklerose ausschloss, da ich ja schon 52 war, endlose Untersuchungen und Tests. Und, schließlich, nach einem halben Jahr, wurde eine Lumbalpunktion durchgeführt, mit dem Ergebnis des Bestehens einer MS.

Ihr, die Ihr meinen Blog schon länger mit mir teilt, wisst: Ich bin leidenschaftliche Zeichnerin und im Laufe der Jahre ist das doppelte Sehen leider stärker geworden. Ich hatte lange Zeit eine Brille mit aufgeklebten Prismenfolien, die alles wie im Nebel aussehen ließen und deren oft regenbogenfarbige Streifen ich vor die betrachtete Welt gelagert sah. Nur mit nackten Gläsern allerdings musste ich beim Zeichnen immer ein Auge zukneifen.

Vor ein paar Wochen war ich in der Uniklinik zur Messung, die mein Empfinden bestätigte. Mit meinen Ergebnissen wurde ich bei einem Optiker vorstellig, der sich aufmerksam und verständnisvoll in mehreren Messungen ein Bild machte und mir schließlich eine Prismenbrille fertigen ließ. Sie war richtig teuer und sie ist wunderbar. Ich sehe klar und deutlich aus jeder Entfernung, meine Augen ermüden nicht mehr so und ich kann wieder stundenlang vor einem Objekt sitzen und den Stift flitzen lassen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass kein einziger Arzt meine Trauer über das Doppeltsehen verstanden hat, es eher als Lappalie abgetan und belächelt hat. Ich habe für Euch ein Foto gemacht, das ein bisschen zeigt, wie ich ohne Brille sehe, allerdings verschieben sich die Doppelbilder ständig, weil das Auge versucht, zu adaptieren.

Denjenigen, die die gleiche Erfahrung verarbeiten müssen, hoffe ich, ein wenig Hoffnung geben zu können. Geht mutig und anmutig durch die Krise und lasst Euch nicht kaputt machen von Menschen, die Euch in Eurer Eigenwahrnehmung nicht ehren. Ich wünsche Euch Gesundheit und Freude an jedem Tag.

4 Kommentare zu “Doppelt sehen- mit Mut und Anmut durch die Krise

    • Vielen Dank! Da freue ich mich sehr, dass Dir meine Zeichnungen gefallen. Mir hat das Lesen über andere Künstler sehr geholfen. Das schreibe ich mal in meinem nächsten Beitrag.

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