Ohrenbetäubende Bilder


Wo, zum Teufel, sind all‘ die großartigen Gedichtbände hingekommen? Ich bin sicher, es gibt sie, irgendwo. In unseren Buchhandlungen jedenfalls sind sie nicht. Ich will sie riechen, spüren, blätternd aus der Zeit fallen, aussaugen. 

Das folgende Gedicht wurde 1924 von einem polnischen Poeten geschrieben. Es wurde in einem wunderbaren Gedichtband mit Picasso- Zeichnungen veröffentlicht ( polnische Liebesgedichte/ Inselverlag).

Sie legte ihr haar zurecht

vor dem spiegel und vor dem schlaf 

Das dauerte unendlich lange Zwischen der einen 

und andern beugung des armes 

vergingen epochen Aus ihren haaren rieselten leis 

die soldaten der Dritten Legion

der heilige Ludwig mit seinen kreuzrittern 

die kanoniere von Verdun

Mit starken fingern 

steckte sie sich die glorie zurecht über ihrem kopf 

Das dauerte so lange

daß als sie endlich

ihren schaukelnden marsch 

zu mir begonnen hatte 

mein bislang so folgsames herz 

stehengeblieben war

und dicke körner salz 

erschienen auf meiner haut 
Zbigniew Herbert

Bild: Acryl, Oktober 2017 von fannyblu  

„..den schwankenden Abflug des großen Eskimovogels“


„Oft, wenn ich einschlafe, fühle ich unter mir den schwankenden Abflug des großen Eskimovogels, der wie ein zögerndes Flugzeug seinen Kurs sucht.“ Das ist die erste Strophe des Gedichtes ‚Eskimovogel‘ von Hilde Domin. 

Woran denkt Ihr, wenn Ihr Euch erinnert an das Zubettgehen als Kinder? Pflegtet Ihr ein Ritual? Habt Ihr etwas davon hinübergerettet in Euer Einschlafen als Erwachsene? Wurdet Ihr manchmal nach langen Autoreisen von Euren Eltern in’s Bett getragen? 

Schreibt mal und zündet Lichter im Grau des heutigen Tages an! 

(Das Bild habe ich nach einem Foto in einem Zeitmagazin gemalt.) 

Salzburgskizzen

patina

feines vornehmhäutchen 

flaumig gewachsenes atmosphärengrün

gotteshausschimmel

du sagst

rotdrosselbäuchlein nach oben

blu

Hallo, Ihr lieben Leser des fannyblu-blogs,

bin wieder daheim und habe 2 Skizzen aus Salzburg mitgebracht. Konnte, an der Salzach sitzend, durch die Touri- Ströme immer mal einen Blick auf’s Panorama erhaschen. Die herrlichen Patinatürme habe ich mit einer Kobalttürkis/ Neapelgelb- Mischung gemalt. 

Legt warme Farben bereit und strahlt dem Herbst entgegen!

Vielleiberei


Denn wir wollen dich

mit haut und haaren 

nicht nur kritzeln und malen

sondern auch gucken und drucken 

fluchten und peilen

winkeln und detailen.

Dieses Bild zeichnete ich nach einem Modell in einem Aktzeichenkurs. Es gibt nach anfänglichem Bibbern und Bangen und Seitenschielen zum Vergleich mit den Malkollegen (oh, Gott, wie gut sind die denn?) immer einen Wendepunkt, an dem meine Muskeln sich entspannen. Jetzt flutet Energie, der Arm schwingt und ganz egal, was andere denken, ich bin frei! 

Bringt Eure Wunder in die Welt! 

Wie schön, sich zu wiegen, die Luft zu durchfliegen am blühenden Baum..

Die Ohren, sie brausen, die Haare, sie sausen und wehen hintan! “

Heinrich Seidel schrieb das Gedicht ‚Die Schaukel‘ , aus dem ich Euch einen Ausschnitt zeige. 

Eine wichtige Person des Originalgemäldes habe ich nicht gezeichnet. Wisst Ihr, wer fehlt? 

Als Kind versuchte ich stets vergeblich,  mit ‚Überschlag‘  zu schaukeln. Noch immer klingen mir die gellenden Schreie meiner Mutter in den Ohren, wenn ich den Absprung immer höher und weiter versuchte. Hatte ich ein Freiheitsgefühl! Das Gefühl, es mit jedem aufnehmen zu können und eine wilde schöne Königin der Lüfte zu sein. 

Schwingt Euch auf die Schaukel und fliegt in die Lüfte! 

Seid Könige und Königinnen! 

Wenn ich mich aufheitern möchte…


..male ich ein Bild von mir, 

mit einem dicken Marker, 

vor dem Spiegel. 

 Werfe Farben auf‘ s Papier, alles, nur keine Hautfarbe. 
Und : es gibt ein Gedicht von Helmut Krausser, das meine Stimmung enorm anheben kann. 
Die Sache mit dem Zwergchamäleon

– Iff hab waf fiffen den Fähnen – kannft du ma nachfehn?

– Oh, tatsächlich, da sitzt ein Zwergchamäleon.

– Efft? Was mafft daf ’n da? 

– Jetzt wird es beige, jetzt rot… Gott ist das süüüüß. 

– Mein Fahnfleif ift ganf gefwollen. Maff daf weg!

Wie es weitergeht, könnt Ihr in dem Gedichtband ‚Strom‘ lesen. Ich könnte mich kugeln vor Lachen! 

Heitert Euch auf und genießt die Kunst!

Welch plumper Fuß ist hier in meinen Blumenflor getreten ….


Niemals anders sah ich Dich erwachen

als mit einem heitern Lachen.

Gleich als ob von einem Paradiesesbaume

Blüten du gepflückt im Traume.
Und so hoff ich, dass mit heiterm Lachen

Jetzo auch du wirst erwachen

Droben von des Lebens kurzem Traume

Unterm Paradiesesbaume.

Aus den Kindertodtenliedern von Friedrich Rückert

Inmitten wilder Rosen…

Mond und Blumen, ach-

Neunundvierzig Jahre

umhergegangen und die Zeit vertan. 

Issa


Heute möchte ich Euch von meinem kreativen Arbeiten mit den kürzesten aller lyrischen Texte aus Japan erzählen, den Haikus. Eine Folge von fünf- sieben- fünf Zeilen, meist Naturbetrachtung, ist das Haiku und kann doch das ganze Sein in einem Augenblick, die Welt und deren Vergänglichkeit spüren und empfinden lassen. 

Ich nehme ein feines, leeres Blatt, lege es vor mich hin und streiche es glatt. Dann tauche ich zerknülltes Seidenpapier ( man kann auch Küchenrolle nehmen) in schwarze Gouache oder Acrylfarbe. Ich gleite nun über das Papier, die Bewegung kommt aus der Schulter, und tupfe und streiche über das Blatt. Ohne nachzudenken, nur den Impulsen folgend. Ich betrachte dann die Farbflecken und ergänze sie ein wenig mit Gold oder Aquarellfarbe.

Gold und Schwarz mag ich besonders gerne. Gold ist das ‚ Metall des Lichts‘ und ihm wird nachgesagt, eine vitalisierende Wirkung zu haben und den Selbstwert zu stärken. 

Noch ein Tipp: Nehmt einen schwarzen Fineliner und goldenen Acrylstift und doodelt blind auf dem Papier. Durch das Gold wirkt jede Zeichnung ein bisschen edler. 

Habt Spaß und freut Euch des Lebens!